Markus Voigt Orgelbau und Orgelbewegung in der DDR
Het ORGEL 104 (2009), nr. 5, 26-43 [Zusammenfassung]

Die Orgelkultur der Deutschen Demokratische Republik (DDR) kann nur vor dem Hintergrund von ökonomischen, politischen und ideologischen Umständen verstanden werden.
Die Orgelbaubetriebe (u.a. 4 Staatsbetriebe und 17 Privatbetriebe), in denen 250 Menschen arbeiteten, wurden 1981 in der sogenannten “Artikelgruppe Orgelbau” organisiert. Die Betriebe waren stark aufeinander angewiesen und es gab keine Konkurrenz: wichtig war allein das geteilte Interesse an Materialien zu kommen und gemeinsam gut mit der sozialistischen Obrigkeit zurechtzukommen.
Für die Lebensumstände im Ost-Deutschland und deren Beurteilung ist es wesentlich, mit dem sehr subtilen Einfluss, den die Obrigkeit, besonders das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi), auf die Bevölkerung hatte, zu rechnen. Die eigentliche Tragik bestand aus dem differenzierten Kampf, der zwischen Intellektuellen und der Staatsmacht auf höchstem Niveau geführt wurde, ein Kampf mit ungleichen Waffen. Bei diesem Kampf waren auch viele leitende Angestellte von Orgelbaubetrieben betroffen. Die Kirchen als Hauptauftraggeber für den Bau von Orgeln spielen am Ende der DDR eine gewichtige Rolle als wichtige Träger der Oppositionsbewegung, in der Mitarbeiter aus der Orgelbaubranche mitwirkten.
Die Orgelbaufirmen haben als Sammelbecken für kreativ arbeitende und lebende Menschen funktioniert , die – ohne Theologie- oder (Kirchen)Musikstudium – danach trachteten, der Beschränktheit des sozialistischen Lebens zu entfliehen.
Das stark zunehmende Interesse der Bevölkerung (und besonders der Jugend) an Orgeln und Orgelkonzerten am Beginn der 70er Jahre hatte zu einem beträchtlichen Teil mit dem durch den Staat weit durchgeführten Säkularisationsprozess zu tun; die intellektuellen marxistischen Dogmen schienen die emotionalen religiösen Bedürfnisse nicht befriedigen zu können und Orgelkonzerte schlossen diese Lücke.
Das große Interesse unter Mitliedern der Sozialistischen Enheitspartei Deutschlands (SED) führte dazu, dass die Obrigkeit Konzertsäle mit neuen Orgeln bauen ließ. Auf diese Weise wurde das Dilemma gelöst, dass SED-Leute Kirchengebäude besuchen mussten, wenn sie ein Orgelkonzert hören wollten. Durch das Aufstellen von Orgeln nicht in Kirchengebäuden sondern in Konzertsälen, wurde ebenfalls das Statement gemacht, dass das häufig mit Religion und Kult assoziierte Instrument doch einen Platz in der sozialistischen Kunst haben konnte.

Photos Jan Smelik


Erfurt, Marktkirche


Erfurt, Marktkirche


Erfurt, Marktkirche


Erfurt, Marktkirche


Erfurt, Marktkirche

 


Erfurt, Predigerkirche


Erfurt, Predigerkirche